Rossmann

2018-06-21 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir haben einen psychologischen Sitzkreis. Genauer genommen, mehr eine Sitzellipse. Das liegt aber wohl am Raum und weniger an der tiefenpsychologischen Bedeutung dieses Settings. Die Stühle reiben mit ihren Rückenlehnen an der Wand dieses rechteckigen und nicht quadratischen Raumes. Wieso sollten sie auch nicht? Dem Architekt kann man es nicht ankreiden, dass er oder sie sich dem Goldenen Schnitt verpflichtet fühlt und dieser (rein proportional) sich eher in einem Rechteck als in einem Quadrat realisieren lässt. Paul fragt sich selbst, wer wohl glücklicher sein mag – einer der seine Fenstern an der Breite oder an der Länge des Raumes hat. Dieser Raum hat nur ein Fenster natürlich am kürzern Ende des Therapieraumes. Er schaut noch einmal in die Runde und bemerkt das die meisten Sessel noch leer stehen. Klara ist da – und Bernadette. Natürlich Bernadette – niemals würde sie zu spät zu  einer Therapiesitzung kommen, geschweige denn eine versäumen. Sie kramt in ihrer kleinen Umhängetasche – diesmal hat sie wieder ein paar Notizen mitgebracht. Naja, so sind sie – die Mind Catcher. Diesen einen Gedanken muss man halt niederschreiben – womöglich hat er ja ein Ablaufdatum und ist bei der Sitzung selbst wieder obsolet (depressed and deprived). Klara durchschaut es – blitzschnell – eigentlich im Augenblick selbst. Den ganzen Strang, vom niedergeschriebenen Gedanken, vom Ablaufdatum und dem Kommentar „depressed und deprived“. Aber halt nur einen Moment, lieber blickt sie auf den Linoleum-Boden in Echtholz-Optik als noch länger auf Bernadettes beschäftigt wirkendes Gesicht zu schauen die noch nervös mit einer Hand in der Handtasche wühlt. Ihr suchen wirkt mehr wie ein tasten, dachte Paul woraufhin er beschloss lieber seinen eigenen psychologischen Fall nochmals im Geiste durchzugehen. Über allen Dreien schwebte die Frage: „Warum können drei sich in einer Gesprächsrunde nicht unterhalten – auch ohne Therapeutin?“ Einfach reden – aber das Schweigen dominierte die Stimmung. Bernadette hatte schon eine Theroie: „Weil vielleicht …“ – Paul schreckte sich unmerklich … und die Türe öffnete sich für die letzte Patientien. “ … Christina fehlt“. Das sonnige Gemüt einer guten Sesselrunde – ein anderer hätte sich vielleicht umgesehen – Christinie aber ging zu ihrem Stammplatz. Zwischen Bernadette und Klara, lieber näher bei Klara als bei Bernadette – was im Grunde gut war, weil es schon Usus war. Bernadette schenkte Christinie natürlich das obligate breite Begrüßungsgrinsen, sodass ihre Zahnfehlstellungen auch wirklich allen Anwesenden nochmals ins Bewusstsein gerufen wurde. Klara musterte noch stärkter den Fussboden und legte ein extrem-genervtes MakeUp auf ihre Mimik und Paul durchblickte alles – die gesamte Szene. Seine weit geöffneten Augen (noch vom Schock, dem Schrecken der plötzlich öffnenden Tür) lassen ihn sich um Jahre jünger fühlen. Naja – er konnte doch auf dieses Event eigentlich nur mit Flucht oder Kampf antworten – aber Paul als geschulter Psychopatient entscheidet sich lieber für den totalen Durchblick und nutzt die kleine-gratis Insulin-Dosis als Jungbrunnen für den Moment und atmet tief ein und wieder aus. Wer fehlt noch? Peter, Karl und die Therapeutin natürlich – die sich in dieser Satzellipse prominent in den Vertex setzten wird. Damit der Sitzkreis nicht allzu ärmlich aussieht, kommen noch vier weitere Menschen – Komparsen ohne Sprechrolle – ohne Bedeutung. Und wie sie ihre Plätze einnehmen – die Statisten und Statistinnen – werden auch Bernadette und Klara und auch Christinie vom Nimbus ihrer Bedeutungslosigkeit neu motiviert. Sie verzichten gänzlich auf ihre Rollen als Nebendarsteller – als Nebendarsteller in einer Welt wo Karl eigentlich Hauptrolle spielen soll und wird und werden in Folge den gleichen Wert haben wie die Topfplanze im rechten Eck dieses rechteckigen Raumes einnehmen . Paul bleibt – er muss. Ja und – die wirklichen Stars dieser psychologischen Gesprächsrunde treten auch ein. Peter, der im Gespräch mit der Therapeutin etwas Zeit der Sitzung auf den Flur verlegt hatte. Und Karl – als Freund von Paul – neben ihm. An dieser Stelle soll noch erwähnt werden, dass dieses Setting in Amerika – in Washington DC sich abspielt. Und da Psychotherapie in den USA sehr teuer ist, sollte noch erwähnt werden wie die Akteure sich diesen notwendigen Dienst leisten können. Peter und Paul sind Veteranen eines der vielen Kriege der Vereinigten Staaten jenseits der eigenen Heimat. Auslandseinsatz also, für Paul als Offizier und für Peter als einfacher Soldat. Das Veteranen-Ministerium der USA hat für solche ein großzügiges Post-Bellum-Programm. Sie sollen sich die Leiden von der Seele reden – Uncle Sam zahlt dafür. Karl, Karl Rossmann war in keinem Krieg. Zumindest nicht als einfacher Soldat und schon gar nicht als Offizier. Karl war, während dem Vietnam-Krieg, als Limousinen-Fahrer in Hollywood (LA) tätig. Er kutschierte die Stars – immer dann, wenn ein Event einen Auftritt mit einer Limousine von den Stars verlangte. Ihm waren die Stars eher fremd – das Pflichtbewusstsein war seine Raison. Er quatschte die Stars niemals voll – er brachte sie von A nach B. Die Bekanntheit seiner Fahrgäste war ihm weit weniger wichtig als der richtige Gang passend zur Geschwindigkeit. Er erledigte seinen Job und fühlte sich immer dabei wie ein gut geöltes Rädchen. Ein Rad in einem Uhrwerk. Ein Uhrwerk das den Lauf der Welt anzeigt. Nicht höher und nicht minder. Natürlich hätte er als Unteroffizier jederzeit einen Platz in diesem Krieg im Vietnam bekommen. Doch was hätte er dort tun sollen? Befehle zwischen Paul und Peter noch einmal aussprechen. Sinnlos, denn die zwei verstanden sich gut genug. Dem einen oder dem anderen zu zeigen, dass man funktioniert? Wohl kaum! Zu Paradox wäre es, eine weitere Ebene ins Befehlssystem einzuführen, die einzig und allein die Pflicht als Maxime sieht. Schon gar nicht, für einen Krieg der nichts mit der Verteidigung des eigenen Landes zu tun hat. Welche Pflicht gibt es auf fremder Erde? Jederzeit könnte Karl zurück nach New Jork gehen um dort beim wohlhabenden Onkle seine Zeit zu fristen. Aber er wusste, dass es kein Zurück für sein Leben gibt. Er wusste, dass sein Leben im kontinuierlichen Fluss ist. Er wusste von seiner Bestimmung – die doch immer nur ein Kompromiss – eine Zwischenlösung zwischen dem Leben von Peter und Paul war. Auch wenn er von Peter und Paul niemals etwas wusste. Oft fuhr er an den Boulevards der Großstadt vorbei, wo an unprominenter Stelle ein Graffiti zu finden war: „Euer Frieden ist unser Krieg“. Hippies, die eigentlich in der beschäftigten Welt des Karl Rossmann eine Nebenerscheinung sind, wollen ihn hoch halten – hoch als eine Ikone eines Menschen, der in Kriegszeiten seine Berufung gefunden hat, und so dem Selbstbewusstsein über die Arbeit ein neues Emblem verleiht.

Karl fängt an zu reden: „Ich kam nach Amerika, glaubte meinen Koffer verloren zu haben und fand doch einen Onkel in New York, der mich aufnahm…“ und während er  weiter von den einzelnen Etappen seines Lebens erzählte, kurz immer inne hielt um einen harschen Blick in die Runde zu werfen – doch aber wieder beim zuhörenden Gesicht der Therapeutin landete und weiter seinen Monolog frönte, kam ihm ein fremder Gedanke – der so nichts mit seinem Text zu tun hatte.  Fremd, weil gänzlich neu aber dennoch so nahelegend an seinem Leben – und warum sollte auch ein Gedanke nichts mit dem zu tun haben – um jenes was es zu tun haben sollte. Der Gedanke war, das eigentlich noch niemand je nach seinem Amerika gefragt hat. Und dennoch teilten sich seine Gedanken in zwei Spuren – auf der einen dachte er darüber nach, warum er nach all den Jahren noch immer nicht von seinem Amerika reden kann – auf der anderen sinnierte er über die Metaebene von fremden Gedanken nach. „Verbinde es! Bringe dieses Amerika in eine Schiene auf welcher auch dein Gedanke weiter leben kann. Beschreibe es – das Amerika als Imagination – als ein fremder Gedanke.“ las Karl in den fragenden Gesichtern der Anwesenden – wo ihr Wunsch sich zu Ergötzen wie ein Imperativ auf ihn wirkte. Es war immer selbstverständlich für ihn. Niemals konnte er sich anmaßen dieses Amerika, das er seit nun so vielen Jahren kennengelernt hat – in irgendeiner Weise sein Amerika zu nennen. Er sah sich immer noch als Deutscher – sein Wesen ändert sich in manchen Bereichen einfach nicht – und selbst wenn er manchmal bei Gesprächen mitlauschte (er tat es oft – das Zuhören war in der Gruppe seine Rolle) wie sich zwei seiner Mitmenschen darüber stritten, wer wohl der bessere oder einfach nur der echte Amerikaner sei und sie damit argumentierten in welcher Generation und wie viele Jahre schon keiner je diesen Fleck Erde verlassen hat, sieht Karl für sein Leben keinen Unterschied. Ob man hier geboren oder ob man hier gelernt hat, das zu sein, was einen guten Amerikaner ausmacht, kommt in Folge wohl wieder zum gleichen Schluss. Für Karl schon – denn er meinte noch immer viel in Deutschland gelernt zu haben und selbst wenn das Lebensnotwendige, das Tatsächliche hier von ihm studiert wurde, bedeutet es für ihn noch immer, mehr zum einen zu gehören als zum anderen. Wer fühlt sich nicht fremd? Wer braucht schon das Angesehen werden vom Anderen – vom Nächsten? Karl hätte sich jederzeit zu den Docks am Hafen begeben können um dort auf die neu Anreisenden verächtlich hinunter zu blicken. Seine 30 Jahre hier in diesem Land wären wohl Legitimation dafür genug – doch weil er wusste, das genau jene Immigranten auf diese verächtlichen Blicke vorbereitet sind – und wahrscheinlich nur mit Demut, einer schlecht gespielten Demut reagierten – wäre es für Karl einfach nur Zeitverschwendung sein Ego an der Erniedrigung des Egos seines Nächsten zu laben. Die Arbeit war es – immer. In der Selbstvergessenheit der Arbeit – im Funktionieren und in den Blicken seiner Vorgesetzten labte er Ego – pure Sklavenmoral bestimmte sein Leben – und dennoch, wenn er auch niemals in den Geschichtsbüchern als ein Held, als einer der etwas bewegt hat, aufscheinen wird – scheint ihm die vergeudete Zeit noch immer eine vergoldete zu sein. Natürlich erkannte er in den Blicken vieler weiblicher Zeitgenossinnen das Wohlwollen – er meinte sein Sinn für Gerechtigkeit sei der Grund – er meinte immer noch, das wenn er sich für das Gerechte einsetzt er weiterhin die Blicke ernten wird die ihm (auch wenn es ihm nicht bewusst ist) so über lebenswichtig sind. Und so schien ihm die Arbeit noch immer jener Teil des Lebens zu sein – der Tugendhaftigkeit verleiht. Nämlich die Tugendhaftigkeit a posteriori, die Tugend Gerecht zu sein war ihm a priori sowieso in die Wiege gelegt worden.  „… und so eilte ich zum Zug der uns nach Oklahoma bringen sollte und …“ erzählte Karl als er abrupt von der freundlich lächelnden Therapeutin unterbrochen wurde – weil sie ihre eigene Rolle als bezahlte Fachkraft für Gruppengesprächsleitung ins Bewusstsein rufte und eben auch so zu reagieren habe. Sie musste das Setting wieder auf eine psychologische – oder wenigstens auf eine gruppendynamische Ebene bringen – und so blieben ihr nur zwei Möglichkeiten. Die Erste, einfach in die Runde zu fragen ob sich noch jemand hin und wieder in der eigenen Heimat fremd fühle – oder die Zweite, zu fragen ob jemand das Gesagte kommentieren möchte. Wohl wären ihr noch weitere Möglichkeiten offen geblieben – das wusste sie als geschulte Therapeutin – zumindest hätte sie als letztes Mittel immer noch alles auf eine scholastische akademische Ebenen überzuleiten. Aber da sie sowieso schon zwei Fragedimensionen in ihrem übertragbaren Bewusstsein zur Verfügung hatte – war weiteres überlegen eher kontraproduktiv – wieso auch, mit einer Frage konnte man sowie nichts falsch machen. Auf das akademische wollte sie es einfach nicht rückführen – zu viele Überlegungen die einfach nicht vorher gemacht wurden fehlten für dieses traurige Setting, das keinerlei Zielformulierungen und keinerlei analytische Vorarbeit hatte, und so, würde man streng nach dem Lehrbuch vorgehen keinen spürbaren Therapieerfolg nach-sich-ziehen. Was sollte sie auch von Bedeutung fragen? Klara, erzählen sie von ihrer Kindheit – Bernadett, erzählen sie von ihrem Sexualleben – in der Gruppe – vor allen hier, wo für diese Menschen die Anderen die Öffentlichkeit darstellen? Going Public! Wie soll es auch funktionieren? Hier im geschützten Bereich der Gruppe können sie offen über alles reden – aus der Sicht der Therapeutin vielleicht (sie würde noch am ehesten an eine Verschwiegenheit gebunden sein, aber die Anderen?) dachte sie selbstkritisch über sich selbst so zeitgleich wie sie redet: „… inmitten wo wir uns normalerweise heimisch fühlen sollten, fühlen wir uns fremd. Wie erlebt ihr es?“ – ‚Eine Frage an die Gruppe, na das war ja mal wieder taktisch klug‘ fiel es ihr ins Bewusstsein und suchend schaute sie durch die Gruppe, in der Hoffnung einen Helden dabei zu haben, der für alle sprechen wird. Bei Karl hielt sie inne – aber er hat schon so viel Redezeit gehabt – wenngleich, hätten wir ihn reden lassen. Weiter erzählen von seiner Zeit hier in Amerika – von seinem plattitüden Leben ohne tieferen psychologischen AHA-Effekt. „Klara, fühlen sie sich manchmal auch fremd – in Zeiten und an Orten wo sie sich sich geborgen fühlen sollten?“ – „Ja“ antwortete Klara worauf sie wieder ihren Blick auf den Fussboden lenkte und damit wohl die vermutlich längste Sprechpause in der Geschichte der Gruppentherapie des Erfahrungsschatzes der Therapeutin einleitete.

[„Möchten Sie davon erzählen?“ – „Nein“ – zu trivial, „Warum nicht?“ – zu naiv – diesen Weg löschte die Therapeutin noch bevor sie ihn auch nur erwägen wollte]
[„Klara, wir erinnern uns an die Geschichte von Karl – was macht ihrer Meinung nach eine Amerikanerin in Amerika aus?“ – tief luftholend „Weiß nicht!“ – hätte sie doch nur noch gefragt: „Sagen Sie es mir?“ – aber sie tat es nicht.]
[„Und gibt es besondere Zeiten oder besondere Orte an welchen Sie sich fremd fühlen?“ – Jackpot]

„Und gibt es besondere Zeiten oder besondere Orte an welchen Sie sich fremd fühlen?“ fragte die Therapeutin und beendete in Rekordzeit die wahrscheinlich und vermutlich längste Sprechpause in der Geschichte ihrer Gruppentherapie-Erfahrung! „Oder sich fremd fühlten?“ fügte sie noch hinzu – während sie gegen ein Überheblichkeitsgefühl ankämpfte um bloß nicht abgehoben , arrogant oder überheblich – wegen ihrem Erfolg – zu wirken. Authentisch bleiben – sonst akzeptieren sie dich nicht mehr. ‚Bleib natürlich – so als ob die Frage die natürlichste der Welt wäre!‘ – die funktionale Selbstinduktion funktioniert (zumindest noch für 25 Minuten, weil dann die Sitzung zu Ende ist – ohne auf die Uhr zu schauen – diese 25 Minuten sind gefühlte 25 Minuten – Halbzeit: Es kann nur mehr besser werden und wird es schlechter, so werden sich Generationen noch an die grandiose Fragekaskade erinnern die hier und jetzt passierte.) Bernadette nutzte dieses grandiose psychologische Hoch auf ihre Weise. Ihre Weise war es, zu glauben, dass an einem Moment wie diesen ein schlagartiger Themenwechsel die Wogen jenes therapeutischen Fortschritts auch für ihre Wünsche und Bedürfnisse nutzbar zu machen. Noch bevor Bernadette fragen konnte, hatte die Therapeutin schon das „Aber natürlich dürfen Sie“ auf den Lippen, dennoch: „Darf ich etwas vorlesen?“ – „Natürlich dürfen Sie!“. Und so führte sie aus, von ihren anderen Therapien – besonders jener in der das Schreiben als heilende Maßnahme praktiziert wird. Sich zu allgemeinen Themen schriftlich äußern, scheint wohl in der Psychologie eine praktische Methode zu sein – Deduktion und Induktion in einem verpackt – die Rolle zeigt sich schon – wer nun vom allgemeinen auf das besondere Leiden erklären kann, oder das besondere Leiden zum Allgemeinen bringen kann. Wer so viele Therapien wie Bernadette besuchte, dem war der Unterschied eigentlich schon so etwas von egal geworden. Ob ihre schlaflosen Nächte einen Namen trugen – ein Motto – erleichtert ihr nur das Gespräch beim Apotheker, mehr aber auch nicht. Bipolar, bipolar Depressiv – mit all ihren langen Hochs und noch längeren Tiefs die diese so spezielle Form der Depression mit sich brachte. Gegenwärtig sei sie stabil – so steht es zumindest in einem Befund irgend eines Doktors der Psychiatrie der sie ausführlich begutachtet hat. Als ob das Leben mit der Diagnose „bipolare Depression“ nicht schon allein hart genug wäre, hat sie zusätzlich auch noch diese Krankheit an ihrer Seele – die, weil sie so speziell ist, sich lieber nicht in irgend ein Kategorienkorsett schnallen lässt. Aber die Diagnose hatte schon so seine Vorteile – eben halt nur auf einer rein sprachlichen Ebene oder genauer genommen – im sozialen Kontext. Das sie keinen ernst zunehmenden kognitiven Schaden hat, stimmt sie versöhnlich mit sich selbst. „Ich spinne doch nicht – ich bin doch noch ganz normal – ich bin nicht verrückt!“ – das sie alle dieses Aussagen über sich jederzeit problemlos im therapeutischen Gespräch verwenden kann und sie es doch nicht tut – aus Rücksicht zu den Anderen – nämlich zu jenen die an Schizophrenie oder an Wahnvorstellungen leiden. Ihr Leiden war emotional mit extremen Auswirkungen auf ihre Bedürfnisse. Sie hielt kurz inne – sinnierend ob ihr Text womöglich ungesund für genau jene die an Schizophrenie oder an Wahnvorstellungen leiden sei. „Ich habe diesen Text in einer Schreibtherapie geschrieben.“ sagte Bernadette. „Das Thema war, einen Brief zu schreiben – an jemanden den ich schon lange nicht mehr gesehen habe, der mir aber trotzdem sehr am Herzen liegt“. Diese therapeutische Maßnahme ist in seinen Grundfesten doch solide – der Patient assoziert vergangene Zeiten mit einem Menschen der ihm/ihr am Herzen liegt/lag und sollte so für das Hier und Jetzt ein durchwegs affektiv-positives Erleben aus der Glückserinnerung (contraire zur Schmerzerinnerung) initiieren. In Verbindung mit diesem Gefühl und der Darstellung der negativen gegenwärtigen Situation sollte sich doch Diskussionsstoff für den Therapeuten ergeben.
„Ich habe meinen Brief an Gott geschrieben … “ fügte sie hinzu und ein Raunen schlich durch die Gruppe. “ … wenn ich vorlesen darf …  – kurze, wirklich sehr kurze Pause – gerade einmal für einen tiefen Atemzug – sie liest:

Sehr geehrter Herr Gott!
Wir bedauern die 40 Peitschenhiebe und den äußerst unvorteilhaften Tod Ihres Sohnes, Herrn Jesus Christus, geb. am 24. Dezember 00 in Nazareth. Dennoch müssen wir Sie darauf Aufmerksam machen, dass die Verurteilung nach gültigem römischen Recht passierte und Sie, als noch lebender Anverwandter für die Zahlung der Hinrichtungs- sowie Begräbniskosten aufkommen müssen. Da Sie auf mehrmalige Erinnerungsversuche nicht reagiert haben, beläuft sich der gegenwärtige Saldo mit einer Verzinsung von 7 % per Anno seit 31 n. Chr  bei € 5,109^20 bzw. $ 5,97^20 nach Abzug aller verwertbaren Assets. Bitte bezahlen Sie den offenen Betrag binnen 14 Tagen auf unser Schweizer Bankkonto xxx, ansonsten müssen wir weitere juristische Mittel einsetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Bernadette K.
Judeas Inkasso International

Für Karl ist eine Situation wie eine diese nicht unbedingt befremdend. In seiner Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika hat er schon so manche Erzählung erlebt – ja sogar so manche Blasphemie. Wie hätte er auch darauf reagieren sollen – es wäre auch gar nicht seine Aufgabe gewesen. Vielmehr war sein Gedanke plötzlich auf eine Therapie fixiert, die er neben dieser Gruppensitzung zu absolvieren hat. Es ist für ihn noch immer ein schwer erklärbares Leben – er, in einer Bewegungstherapie – Bernadette in einer Schreibtherapie – neben diesem Treffen, wo sich alle nochmals zusammenfinden um Schonungslos zu plaudern – für Karl, eher ein Mysterium. Sein Leben war vorher nie darauf ausgelegt, dass Reden Arbeit sei. Es wäre für ihn auch gänzlich denkbar unmöglich bare Münze für ein gesprochenes Wort zu bekommen. Diese Therapie, und auch seine Bewegungstherapie werden ja auch nicht bezahlt. Es wäre allzu Paradox für ihn für Sprechen harte Dollars in Rechnung zu stellen. Schon gar für das Zuhören, Geld zu bekommen – eine undenkbare Welt für Karl Rossmann. Und so sieht er auch, sein Zuhören über diesen grotesken Brief an Gott eher als ein hineinleben in den Moment der in Folge das ausmacht, was er und vielleicht auch alle anderen auch – einen Abschnitt im Chronologischen nennt.

 

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